Entwicklung der Parteiidentifikation in Deutschland von 1977 bis 2016

Autor: Jens Wilhelm // Informationen zu den Analysen: https://osf.io/qgpju/


Bei der Parteiidentifikation (PID) handelt es sich um eine psychologische Disposition, die dem Bürger  bei  der  individuellen  Wahlentscheidung  hilft,  indem  die  PID  den Individuen  bei  der Informationsbeschaffung und -verarbeitung über politische Sachfragen und bei der Vorbereitung von politischen Entscheidungen entlastet (Campbell et. al., 1960). Allerdings wird sowohl in der  Medienberichterstattung  als  auch in  der  Forschungsliteratur oftmals  eine  Entfremdung  der Bürger  von  den  politischen  Akteuren,  insbesondere  der  politischen  Parteien, postuliert (u.a. Arzheimer, 2012). Diese Entfremdung macht sich einerseits in einem Mitgliederschwund bei den politischen Parteien  bemerkbar,  aber  auch  in  einem Rückgang  von Vertrauen  zu  Parteien  und auch  in  einem  Rückgang  der  Parteiidentifikation  (Gabriel,  2013). Diesen Entwicklungstrend bezüglich der Parteiidentifikation wird entweder als Dealignment oder als Parteienverdrossenheit bezeichnet.  Der  Unterschied  zwischen  diesen  Phänomenen  liegt  darin,  dass  unter  dem  als Dealignment  bezeichneten  Prozess eine  kontinuierliche  Abnahme  der  Parteibindung  aufgrund eines gesellschaftlichen Wandels und demzufolge einer Auflösung von traditionellen Bindungen gemeint  ist.  Die  Parteienverdrossenheit  hingegen  bezeichnet  den  plötzlichen  Bruch  mit  den politischen Parteien aufgrund von Krisensituationen und  einer Unzufriedenheit mit der Leistung der Regierung (Arzheimer, 2006). In der folgenden Analyse soll empirisch überprüft werden, ob anhand der vorliegenden Daten eine Abnahme der Parteiidentifikation festgestellt werden kann und wenn ja, ob diese Entwicklung als konstante Abnahme im Sinne der Dealignment-Hypothese oder  als  abrupter  Bruch  im  Sinne  der  These  der  Parteienverdrossenheit  beschrieben werden kann?

Bei  der  Betrachtung  des  Verlaufs  der  Entwicklung  der  Parteineigung  wird  ersichtlich,  dass  die These des Dealigments anhand  des vorliegenden  Datensatzes bestätigt werden kann, da seit Beginn des Datensatzes eine kontinuierliche Abnahme der Parteineigung vorliegt: zu  Beginn der  Erhebung im  Jahr  1977  betrug  der  Anteil  der  Personen  mit  einer Parteineigung etwa 80%, 2016 hingegen waren es nur noch etwa 60%. Dies bedeutet, dass der Anteil der befragten Personen mit Parteineigung innerhalb von 40 Jahren um etwa 20% abgesunken ist. Im nächsten Schritt der Analyse wird betrachtet, wie sich die Identifikation mit einzelnen Parteien im Vergleich zum Wert im Jahr 1982 entwickelte, um so analysieren zu können, inwiefern sich dieser kulturelle  Wandel  auf  die  einzelnen  Parteien  ausgewirkt  hat  und  manche  Parteien  von  diesem Wandel stärker betroffen sind als andere. 

Bei der Betrachtung der Daten ist auffällig, dass die Kurven von SPD, Union und FDP allesamt in den negativen Bereich des Diagramms fallen und mit einer Ausnahme (Union in den Jahren 1990 und 1991) konstant im negativen Bereich verweilen: dies deutet darauf hin, dass es  keiner  dieser  Partei  gelang  prozentual  betrachtet  mehr  Parteianhänger  zu  gewinnen  als  im Vergleichsjahr 1982. Dies kann als weiterer Indikator für die Dealignment-Hypothese betrachtet werden. Weiter ist auffällig, dass die Verlaufskurve der SPD deutlich stärker negativ verläuft als die der Union und der FDP. Die Verluste der FDP im Vergleich zum Ausgangsjahr sind recht konstant im Bereich zwischen einem Verlust von einem und drei Prozent. Die Verluste der Unionsparteien im Vergleich zu 1982 betragen seit der Wiedervereinigung recht konstant etwa fünf Prozentpunkte. Die Verluste der SPD hingegen verlaufen wesentlich stärker: 2016 gaben fast 13 Prozent weniger Befragte  an,  sich  mit  der  SPD  zu  identifizieren  als  dies  noch  1982  der  Fall  war.  Daraus  kann geschlossen  werden,  dass  von  allen  untersuchten  Parteien  die  SPD  am  stärksten  von  einem konstanten  Anhängerschwund  betroffen  ist.  Hierzu  im  Vergleich  verläuft  die  Verlaufskurve  der Befragten ohne eine Parteineigung stets im positiven Bereich des Diagramms: dies bedeutet, dass der Anteil derer ohne Parteineigung in den Folgejahren immer größer war als im Ausgangsjahr 1982. Auch diese Verlaufskurven bestätigen die These des Dealignments. Als Abweichung von diesem  generellen  Trend  des  Verlustes  von  Parteianhänger  kann  die  Partei  B90  /  Die  Grünen herangezogen  werden:  seit  1982,  also  wenige  Jahre  nach  ihrer  Gründung,  konnte  die Partei konstant   ihre   Anhänger   vermehren,   sodass   bis   zum   Jahr   2016   eine   Steigerung   der Anhängerschaft  von  etwa  fünf  Prozentpunkten  festgestellt  werden  kann.  Doch  stellt  diese Entwicklung tatsächlich eine Abweichung von der Theorie des Dealignments dar? Zur Erinnerung: die Theorie des Dealignments besagt, dass es aufgrund einer Auflösung alter gesellschaftlicher Konfliktlinien zu   einer   Entfremdung   von   politischen   Parteien   als   Repräsentanten   dieser Konfliktlinien kommt. Allerdings: die Partei B90 / Die Grünen repräsentiert keinesfalls eine dieser traditionellen    gesellschaftlichen    Konfliktstrukturen,    sondern eine    neue    gesellschaftliche Konfliktlinie,  die  sich  erst  im  Zuge  dieses  sozialen  Wandels  in  westlichen  Gesellschaften etablierte: der Konfliktlinie Ökonomie vs. Ökologie. 

 

Im letzten Schritt der Analyse wurde betrachtet, wie sich die Parteiidentifikation in Abhängigkeit des Bildungsgrades entwickelt hat. In  der folgenden  Abbildung wurden Personen mit hoher Bildung (hellblaue Linie) Personen mit geringer Bildung (braune Linie) gegenübergestellt. 

Bei der Betrachtung der Verlaufskurve werden zwei Entwicklungen deutlich: zum einen, dass sowohl  bei  den  Personen  mit  hoher  Bildung  als  auch  bei  Personen  mit  niedriger  Bildung  die Tendenz  eindeutig  die  Dealignment-These  stützt. In beiden Teilgruppen ist der Anteil  an Befragten mit einer Parteineigung im Trend rückläufig. Zum anderen wird deutlich, dass dieser Trend nicht in beiden  Teilgruppen identisch verlaufen ist: einige  Jahre  nach  der Wende hat sich zwischen den beiden Teilgruppen eine Kluft gebildet, sodass die PID bei höher gebildeten Personen  um 5% stärker ausgeprägt ist als bei Personen mit niedriger Bildung. Dieser Unterschied lässt sich auf den ersten Blick nicht durch eine zunehmende Entfremdung einer der beiden Teilgruppen erklären, sondern vielmehr damit, dass  während der rot-grünen Regierungszeit von 1998 bis 2005 mehr Personen mit hoher Bildung eine  Parteineigung aufweisen als dies zuvor der Fall war. Auf den zweiten Blick wirft diese Entwicklung dennoch die Frage auf, wieso es der Politik anscheinend gelang Personen mit hoher Bildung an eine  Partei  zu  binden,  allerdings  nicht  Personen  mit  niedriger  Bildung.  Eine  abschließende Bewertung dieser Fragestellung liefern die vorliegenden Daten nicht, jedoch kann vermutet werden, dass die durch den gesellschaftlichen Wandel gesteigerte Komplexität des politischen Systems es Personen mit niedriger Bildung schwerer macht, sich mit den Themen und Prozessen des politischen Systems zu beschäftigen und diese daher weniger bereit sind, sich mit Politik zu beschäftigen.

Fazit

Die vorliegenden Analysen anhand der Datengrundlage des Politikbarometers liefern für Deutschland eine Bestätigung der Dealignment-These: durch gesellschaftlichen Wandel sinkt der Anteil der Bürger mit  einer Neigung zu einer bestimmten Partei kontinuierlich. Auch konnte gezeigt werden, dass insbesondere die beiden Volksparteien von diesem Wandel betroffen sind. Diese Beobachtung steht im Einklang mit den Annahmen der Dealignment-These, da diese besagt, dass die abnehmende Bedeutung der Parteiidentifikation bedingt ist durch das Auflösen alter gesellschaftlicher Konfliktlinien wie beispielsweise Arbeit und Kapitel oder Staat und Kirche, die im deutschen Parteiensystem durch die beiden besagten Volksparteien repräsentiert werden. Weitere Ursachen für diese Entwicklung können beispielsweise in  einer Anreizschwäche von Parteien, einem Vertrauensverlust und einer Entpolitisierung der Gesellschaft gesehen werden (Wiesendahl, 2006). Weiter konnte aufgezeigt werden, dass die These der kognitiven Mobilisierung, nach der die funktionale Bedeutung der Parteien aufgrund einer höheren kognitiven  Involvierung der Bürger, sich in einem negativen Zusammenhang zwischen Parteiidentifikation und    Bildung niederschlägt, nicht bestätigen. Da die Parteiidentifikation für das politische System insgesamt  und die Parteien im konkreten eine wichtige psychologische Bindung darstellt, sollte diese Entwicklung Anlass zu Überlegungen sein, wie diese Entwicklung gestoppt werden kann, beispielsweise  wie  insbesondere Personen mit niedriger Bildung von den Parteien für sich gewonnen werden können.

Quellen

Arzheimer,  K. (2006). ‚Dead men walking?‘ Party identification in Germany 1977 -2002. Electoral Studies, 25, S. 791 -807. doi: 10.1016/j.electstud.2006.01.004.

Arzheimer,  K.  (2012):  Mikrodeterminanten  des  Wahlverhaltens:  Parteiidentifikation.  In: Wählerverhalten  in  der Demokratie: Eine Einführung, Hrsg. Gabriel, O. W./Westle, B., S. 223 -246. Baden-Baden: Nomos.

Campbell, A.,Converse, P.E., Miller,W.E. & Stokes, D.E. (1960).The American voter. New York: Wiley.Gabriel,  O.  (2013).  Einstellungen  der  Bürger  zu  den  politischen  Parteien.  In Handbuch  Parteienforschung,  Hrsg.  O. Niedermayer, S. 319 –347. Wiesbaden: Springer Fachmedien.

Keil, Silke I. (2005): Parteiidentifikation als des ‚Pudels Kern’? Zum Einfluss unterschiedlicherFormen der Parteineigung auf die Einstellungen der Bürger zu den politischen Parteien. In: Wächst zusammen, was zusammengehört? Stabilität und Wandel politischer Einstellungen im wiedervereinigten Deutschland, Hrsg. Gabriel, O. W.,Falter, J. W. & Rattinger, H., S. 91 -127. Baden-Baden: Nomos.

Lewis-Beck,  M.,  Norpoth,  H.  &  Jacoby,  W.  G.  (2008):  The  American  Voter  Revisited. Ann  Arbor:  The  University  of Michigan Press.

Wiesendahl, E. (2006): Mitgliederparteien am Ende? Eine Kritik der Niedergangsdiskussion. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften

Autor: Jens Wilhelm,  Syntax: https://osf.io/qgpju/

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