Terrorismus im globalen Kontext

Autor: Markus Schmidt // Informationen zu den Analysen: http://osf.io/g8jwp/

Die Deutschen fürchten sich. Nicht alle, aber viele. In der Studie „Die Ängste der Deutschen“, die seit 1991 erscheint, belegte die Sorge, Opfer eines Anschlages im eigenen Land zu werden, 2016 erstmals den ersten Platz. Die Terrorangst lag damit noch vor den Ängsten eines Krieges mit deutscher Beteiligung, Naturkatastrophen oder im Alter zum Pflegefall zu werden. Dass Terrorismus zwar ein aktuelles, allerdings kein brandneues Phänomen ist, belegte die Wissenschaftlerin Carola Dietze (2015) in ihrem Werk „Die Erfindung des Terrorismus in Europa, Russland und den USA 1858–1866“. Dort bezeichnet sie den Überfall des US-Amerikanischen Abolitionisten John Brown auf die Kleinstadt Harpers Ferry im Jahre 1859 als Entstehungsmoment des modernen Terrorismus. Mit den verheerenden Anschlägen in Berlin, Brüssel und Paris ist jedoch das latente Gefühl verknüpft, Deutschland und Europa gerate zunehmend in das Visier des internationalen Terrorismus. Viele fühlen sich nicht mehr sicher, denn die Terrorgefahr in ganz Europa erscheint größer denn je. Da das Thema “innere Sicherheit“ die Wahlentscheidung vieler Wähler entscheidend beeinflusst und darüber hinaus die politische Agenda mitbestimmt, trägt „Terrorismus“ nicht nur eine sozial-gesellschaftliche, sondern auch eine gesellschaftspolitische Relevanz in sich. So wird in manchen Teilen der Gesellschaft der Ruf nach mehr Sicherheitskontrollen, Überwachung und Polizeipräsenz lauter, während andere dies als ungerechtfertigten Eingriff in ihre Freiheitsrechte bewerten. Die Debatte über die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit wird auch in Zukunft couragiert geführt werden. Aus diesem Grund erscheint es umso notwendiger, bezüglich der Bedrohungslage Terrorismus über stabile Fakten zu verfügen. Dabei soll der Blick sowohl auf den Kontinent Europa, als auch den weltweiten Kontext gerichtet werden und diese beiden Referenzrahmen in Bezug zueinander gesetzt werden. Dies geschieht anhand dreier Faktoren: Anzahl der Anschläge, Anzahl der Getöteten und Anzahl der Verwundeten. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen helfen, die hitzige Debatten mit stabilen Fakten zu füllen und somit einen Beitrag leisten, die Diskussionskultur in Deutschland und der Welt ein Stück objektiver zu gestalten. Als Datengrundlage wurde die „Global Terrorism Database“ (GTD) verwendet, der umfassendste verfügbare Datensatz zu terroristischen Anschlägen. Er umfasst über 170.000 Anschläge seit 1970.


Generelles Ergebnis: Seit Mitte der 2000er Jahre ist weltweit ein nahezu exponentieller Anstieg in allen Indikatoren zu beobachten. So fanden im Jahr 2016 weltweit bei 13.488 Anschlägen 34.676 Menschen den Tod, 39.851 Menschen wurden verletzt. Das sind mehr Tote, als in den Jahren 1970 bis 1983 zusammengenommen. Sowohl in Bezug auf die Anschlagszahl, als auch in Bezug auf die Anzahl der Toten waren im Jahr 2014 globale Hochpunkte festzustellen. Zudem lag in diesem Jahr die Anzahl der Menschen, die bei Anschlägen ums Leben kamen, erstmals seit dem Jahr 1997 über der Anzahl derjenigen, bei denen lediglich davongetragene Verletzungen registriert wurden. Die Zahl der weltweiten Verletzten erreichte in dem Jahr 2015 ihren bisherigen Höchstwert. Während sich Terrorismus in Europa während den frühen 2000ern auf dem niedrigsten Niveau seit Beginn der Datenaufzeichnung bewegte, werden aktuell ebenfalls Höchstwerte verzeichnet – noch nie kamen mehr Menschen durch Terrorattacken zu Tode als im Jahr 2014, noch nie wurden so viele Menschen durch Terrorakte verletzt, wie 2015. In dem Jahr 2016 fielen sämtliche berücksichtigte Faktoren wieder auf das Niveau von 1992, bewegen sich im historischen Kontext allerdings weiterhin auf einem hohen Niveau. Trotz der verheerenden Anschläge auf den Brüsseler Flughafen und den Berliner Weihnachtsmarkt in diesem Jahr gab es in den 75 Datenzeitpunkten seit Beginn der Aufzeichnungen gleich elf Jahre, in denen es in Europa mehr Tote zu beklagen gab als 2016: 1972, 1973, 1974, 1975, 1976, 1979, 1980, 1988, 1991, 2014 und 2015. Im Gesamtzeitraum von 1970 bis Ende 2016 kamen in Europa bei 18.717 Anschlägen insgesamt 9.332 Menschen zu Tode, 21.420 Menschen wurden verletzt. In Hinblick auf die Toten wies europäischer Terrorismus markante lokale Hochpunkte in den Jahren 1980, 1988 und 1991 auf. Ein stark erhöhter Wert in Bezug auf die Verletzten ist 2004 erkennbar. Dabei ist jeweils ein großer Anteil der Werte durch einzelne Attacken bedingt: 270 der insgesamt 437 Terrortoten im Jahre 1988 fielen dem sogenannten Lockerbie-Anschlag, einem Bombenanschlag auf ein Verkehrsflugzeug über der Ortschaft Lockerbie in Schottland, zum Opfer. Am 11. März 2004 explodierten in Madrider Zügen mehrere Bomben. 1350 Menschen wurden verletzt und 154 Menschen wurden getötet. Das entspricht etwa 73% der im Gesamtjahreszeitraum verletzen und circa 79% der im Gesamtjahreszeitraum durch Terrorattacken getöteten Menschen in Europa. Während im Jahr 1973 noch rund 80% der weltweiten Terrortoten in Europa registriert wurden, betrug der Anteil im Jahr 2014, dem Jahr mit den meisten Toten in Europa seit Beginn der Aufzeichnung, nur noch etwa 3% - und das, obwohl sich der absolute Wert der Terrortoten in Europa in diesem Zeitraum fast verfünffacht hat. Daraus lässt sich ableiten, dass Terrorismus in Europa zwar deutlich zugenommen hat, jedoch hinter der globalen Entwicklung zurückbleibt. Terrorismus stellt folglich ein globales und kein rein europäisches Problem dar. Die Wahrnehmung Vieler, Europa rücke zunehmend ins Visier des Terrorismus, ist zudem nur dann zutreffend, wenn die letzten drei Jahre mit dem vergleichsweise friedlichen Jahrzehnt um die Jahrtausendwende verglichen wird - manche scheinen vergessen zu haben, dass Terrorismus in Europa bereits schon einmal eine große Rolle gespielt hat: von den späten 1970er Jahren bis in die frühen 1990er. Allerdings wütete in Europa damals überwiegend der innerstaatliche Terrorismus, während heute ein Großteil der Schlagzeilen von dem internationalen Terrorismus ausgeht. Damals begingen in Irland die IRA, in Spanien die Eta und in Deutschland die RAF Anschläge, während die verheerendsten Anschläge in Europa heutzutage von der ultraradikalenislamischen Terrorismusorganisation ”Islamischer Staat” für sich beansprucht werden. Vielleicht ist es diese „Monopolisierung des Terrorismus“ die es für viele so scheinen lässt, als sei Terrorismus vor allem und ausschließlich ein aktuelles Problem.

Autor: Markus Schmidt, Grafik erstellt in: ExcelSyntax: osf.io/g8jwp/

Kommentar schreiben

Kommentare: 0